Die Älteren werden sich noch an das mit Impfstoff getränkte Zuckerstück erinnern, das ihnen in der Kindheit verabreicht wurde: „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“, hieß es damals. Noch in den 1950er Jahren waren die Polio-Viren ein wahrer Schrecken.

Bis heute leiden allein in Deutschland mehrere zehntausend Menschen an den Folgen – etwa Lähmungen der Gliedmaßen oder Muskelschwund – dieser Virusinfektion. Inzwischen gilt die von ihr ausgelöst Kinderlähmung in Europa als ausgerottet.

In diesem Beitrag erfahren Sie die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Polio.

Polio Definition

Polio steht kurz für Poliomyelitis und wird im Deutschen auch (spinale) Kinderlähmung genannt. Es handelt sich hierbei um eine Viruserkrankung, die höchst ansteckend ist und vor allem, aber nicht ausschließlich, Kinder betrifft.

Der Name Poliomyelitis leitet sich aus den griechischen Wörtern für „grau“ und „Mark“ ab. Die Polio-Viren werden besonders dann gefährlich, wenn sie die graue Substanz des Rückenmarks befallen und damit Lähmungen verursachen. Wird die Atemmuskulatur befallen, endet Polio ohne Behandlung tödlich.

Bei den meisten Menschen verläuft Polio jedoch vollkommen harmlos und ohne Symptome.

Polio Symptome

Etwa 90 bis 95 Prozent der Infizierten haben keine Symptome und merken nichts, denn ein intaktes Immunsystem ist stark genug, um Polio-Viren in Schach zu halten.

Bei immungeschwächten Personen und Kindern, deren Immunabwehr sich noch im Aufbau befindet, kann Polio aber durchaus zu heftigen Symptomen und in seltenen Fällen zum Tod führen.

Schafft der Körper es nicht, die Viren auszuschalten, treten 3 bis 35 Tage nach der Ansteckung die ersten grippeartigen Symptome auf. Je nachdem, wie heftig die Symptome ausfallen, spricht man von vier Verläufen:

Abortive (schwache) Polio: Die Viren befallen das zentrale Nervensystem nicht und es kommt zu unspezifischen Symptomen, die nicht lange anhalten. Möglich sind z.B.:

  • Fieber
  • Halsschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Muskelschmerzen
  • Übelkeit
  • Magen-Darm-Grippe

Die abortive Poliomyelitis tritt bei 4-8% der Infizierten auf.

Nichtparalytische (nicht lähmende) Polio: Bei 2-4% der Infizierten kommt es 3-7 Tage nach der abortiven Poliomyelitis zu weiteren Symptomen. In diesem Fall haben die Viren es geschafft, die Nervenzellen des zentralen Nervensystems zu befallen, die für die Kontrolle unserer Muskeln zuständig sind. Es kommt zu:

  • Rückenschmerzen
  • Muskelkrämpfen
  • Nackensteifheit
  • Fieber

Paralytische (lähmende) Polio: Bei 0,1-1% der Infizierten entwickelt sich aus der nichtparalytischen eine paralytische Polio. Oft flachen die Symptome zunächst ab und nach 2-3 Tagen steigt das Fieber wieder an. Dann kommt es zu schlaffen Lähmungen, die folgende Muskeln treffen können:

  • Beinmuskeln (am häufigsten)
  • Armmuskeln
  • Bauchmuskeln
  • Augenmuskeln
  • Muskeln des Brustkorbs

Häufig ist nur eine Seite betroffen, d.h. nur ein Bein oder ein Arm.

Weitere, seltene Symptome können sein:

  • Sprachstörungen
  • Schluckstörungen
  • Atemlähmung
  • Entzündung des Herzmuskels
  • Hirnhautentzündung

Ist das Fieber ausgestanden, schreiten die Lähmungen nicht weiter fort und bilden sich innerhalb eines Jahres teilweise, aber nicht komplett, zurück. Zurückbleibende Schäden und Folgeschäden können sein:

  • Lähmungen
  • Gelenkstörungen
  • Durchblutungsstörungen
  • Verzögertes Wachstum des betroffenen Arms oder Beins
  • Verformte Gliedmaßen

Post-Polio-Syndrom: Bei Menschen, die eine lähmende Polio durchgestanden haben, können Jahre oder sogar Jahrzehnte später weitere Komplikationen auftreten. Typisch hierfür sind:

  • Wiederkehrende Lähmungen
  • Muskelschmerzen
  • Chronischer Muskelschwund
  • Atemschwierigkeiten
  • Schluckbeschwerden
  • Erschöpfung

Man vermutet, dass diese Spätfolgen auftreten, weil die gesunden Nervenzellen die Arbeit der durch die Polio-Viren geschädigten Nervenzellen übernehmen müssen. Statt ihrem normalen Zuständigkeitsgebiet, muss eine Nervenzelle 5- bis 10-mal mehr Muskelzellen versorgen.

Auf Dauer sind die Nervenzellen dieser Überlastung nicht gewachsen und altern schneller. Das würde erklären, warum das Post-Polio-Syndrom sich nicht nur bei den Muskeln zeigt, die ursprünglich gelähmt waren, sondern auch an anderen Muskeln.

Obwohl Polio in Deutschland schon seit Jahrzehnten ausgerottet ist, leben etwa 50.000 bis 60.000 Menschen mit Spätfolgen.

Polio Ursachen

Verantwortlich für Polio sind Viren, die zu den Enteroviren zählen, also Viren, die im Darm leben und sich auch dort vermehren. Da Menschen die einzigen natürlichen Wirte der Viren sind, steckt sich ein Mensch nur bei einem anderen Menschen an.

Dies geschieht meist aufgrund von Schmierinfektionen mit Urin oder Stuhl, beispielsweise durch mangelnde Handhygiene nach dem Wechseln einer Windel. Wer sich dann unbewusst die Hand an den Mund legt oder etwas mit den Fingern isst, hat die Viren ganz schnell im Mund und bald im Darm.

Eine Ansteckung ist aber auch per Tröpfcheninfektion möglich. Da die Viren über den Mund in unseren Körper gelangen, können sie am Anfang auch über den Speichel etwa beim Husten oder Niesen an andere Menschen weitergegeben werden.

Wenn die Viren dann auf ein schwaches Immunsystem treffen, schaffen sie es vom Darm in die Lymphe und ins Blut, von wo aus sie sich im gesamten Körper ausbreiten können.

Dabei befallen Polio-Viren bevorzugt Nervenzellen (α-Motorneurone) im Rückenmark. Diese Motorneuronen sprechen die Muskeln in unseren Körper an, die wir bewusst steuern können (z.B. Muskeln in Armen und Beinen).

Im schlimmsten Fall werden die Nervenzellen durch die Infektion dauerhaft geschädigt und verlieren ihre Verbindung zu unserem Gehirn. Das bedeutet dann, dass wir unsere Muskeln nicht mehr willentlich ansprechen können. Sie bleiben schlaff und sind gelähmt.

Da hiervon nur die Nervenzellen betroffen sind, die für unsere Muskeln zuständig sind, sind Nerven, die Berührungsreize weiterleiten, nach wie vor aktiv. Ein Mensch, dessen Bein durch Polio gelähmt ist, kann dennoch den Stoff der Hose auf seiner Haut spüren.

Die Ursachen für Polio sind demnach:

  1. Viren
  2. Mangelnde Hygiene
  3. Schwaches Immunsystem

Polio Diagnose

Spätestens wenn Sie oder Ihr Kind mit einem zweiphasigen Verlauf von Fieber zum Arzt gehen und erste Lähmungen zeigen, liegt der Verdacht auf Poliomyelitis nahe.

Zunächst wird Ihr Arzt Sie zu den Symptomen befragen und wissen wollen, ob Sie in letzter Zeit im Ausland waren. Anschließend muss er andere Krankheiten ausschließen, die ebenfalls Fieber und Lähmungen auslösen können (z.B. FSME). Um das Polio-Virus eindeutig nachzuweisen, schickt Ihr Arzt Ihre Stuhlprobe oder einen Abstrich aus Ihrem Rachen zur Analyse in ein Labor.

Können keine Erreger (mehr) gefunden werden, aber der Verdacht bleibt bestehen, dass Sie sich mit Polio infiziert hatten, gibt es die Möglichkeit Ihr Blut auf Polio-spezifische Antikörper zu testen, die Ihr Immunsystem im Fall einer Infektion gegen die Viren gebildet hätte.

Um herauszufinden, ob die Polio Erreger in Ihr zentrales Nervensystem (Rückenmark und Gehirn) vorgedrungen sind, entnimmt Ihr Arzt etwas Flüssigkeit aus dem Bereich der Lendenwirbelsäule und lässt diese im Labor auf die Viren untersuchen.

Polio Behandlung

Sobald ein Verdacht auf Polio besteht, muss Ihr Arzt dies sofort dem Gesundheitsamt melden und Sie in ein Krankenhaus einweisen, wo Sie in einem Einzelzimmer unter strenger Isolation untergebracht werden. Erst wenn der Labortest eine Infektion mit Polio ausschließt dürfen Sie wieder andere Menschen treffen.

Bestätigt der Labortest hingegen den Verdacht auf Polio, muss die Isolation aufrechterhalten werden.

Da es derzeit kein Medikament gegen Polio-Viren gibt, konzentriert sich eine Therapie ausschließlich darauf, die Symptome zu lindern. Dazu zählen:

  • Bettruhe
  • Entzündungshemmende Schmerzmittel

Können lebenswichtige Muskeln nicht mehr richtig arbeiten und es kommt zu Atem- oder Herzrhythmusstörungen, werden Sie intensivmedizinisch betreut. Auch bei Symptomen einer Hirnhautentzündung werden Sie auf der Intensivstation behandelt.

Wenn die akuten Symptome abgeklungen sind, müssen Sie sich weiter schonen. Mit Krankengymnastik, orthopädischen Schuhen und anderen Hilfsmitteln sollten Sie versuchen, ihre Beweglichkeit so gut wie möglich zurück zu erlangen.

Polio Vorbeugende Maßnahmen

Auch wenn Poliomyelitis weltweit nahezu ausgerottet ist, gibt es Länder, in denen die Krankheit nach wie vor ausbricht. Dazu zählen Afghanistan und Pakistan (Afrika wurde im August 2020 von der unabhängigen Africa Regional Certification Commission für frei von wilder Polio erklärt).

Solange Polio auf der Welt existiert, können sich die Viren jederzeit wieder ausbreiten. Wie schnell das in unserer globalisierten Welt gehen kann, erleben wir mit Corona gerade deutlich.

Das Robert-Koch-Institut und die deutsche Ständige Impfkommission (STIKO) empfehlen darum, bereits Säuglinge zu impfen. Nach 10 Jahren ist eine Auffrischung nötig. Eine weitere Auffrischung ist sinnvoll bevor Sie in ein Risikogebiet mit Polio reisen.

Neben der Impfung beugt vor allem eine konsequente Hygiene, insbesondere regelmäßiges Händewaschen, einer Ausbreitung von Polio vor.