Vom Biosprit zur Tortillia-Krise

Weltweit hungern nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN 795 Millionen Menschen. Zumindest theoretisch wäre dieser Nahrungsmangel leicht auszugleichen, rechnet das Öko-Institut im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vor. Dazu müssten die Länder mit hohem Bruttoinlandsprodukt ihren Verbrauch von Bioenergie rein rechnerisch um lediglich sieben Prozent reduzieren. 

Der Boom des Biosprits und die Folgen

Weil in den Industriestaaten das Umweltbewusstsein wächst, sollen immer mehr Fahrzeuge mit Biokraftstoff betrieben werden. Auf mehr und mehr Flächen werden - oft stark subventioniert - Raps oder Soja für den Biokraftstoff angebaut. In den USA wird bereits ein großer Teil der Maisernte für Biosprit verwendet. Der aus ökologischer Sicht gute Ansatz bringt aber immense Probleme mit sich. Der für den Biosprint angebaute Mais fehlt auf den Weltagrarmärkten und treibt den Preis auch in Ländern hoch, die den Biosprit gar nicht selbst verwenden - wie zum Beispiel in Mexiko. Dort hat diese Entwicklung zur sogenannten "Tortilla-Krise" geführt. Der Preis für Mais war so gestiegen, dass sich viele Menschen ihre Hauptnahrung, die Tortilla, nicht mehr leisten konnten. Die EU-Beimischungsquote für Agrartreibstoffe führt zu Vertreibungen und Hunger in Afrika. Der Zusammenhang zwischen Land Grabbing und Agrartreibstoffen ist gewaltig: 66 Prozent aller großflächigen Landnahmen in Afrika werden getätigt, um Agrartreibstoffe zu produzieren.

Die Nutzung von Acklerland

Der Erwerb von Ackerland betrifft nicht nur den Anbau von Nahrungspflanzen, sondern auch die Produktion von Agrotreibstoffen, wie die Biokraftstoffe auch genannt werden. Von dem Ackerland, das zwischen 2000 und 2014 verkauft oder verpachtet wurde, dienten 11% dem Anbau von Nahrungsmittelpflanzen, 31% der Produktion von Agrotreibstoffen und 23% dem Anbau von Pflanzen, die sich sowohl als Nahrungsmittel als auch als Treibstoff verkaufen lassen wie Soja, Mais, Ölpalmen und Zuckerrohr.

Die Steigerung der Nahrungsmittelpreise

Der Abfluss von Nahrungsmitteln zur Produktion von Biokraftstoffen hat die Nahrungsmittelpreise allein von 2002 bis 2007 um rund 30 Prozent erhöht. Die größten Auswirkungen waren bei den Maispreisen zu verzeichnen, für deren Steigerung Agrartreibstoffe nach Schätzungen zu 39 Prozent verantwortlich sind. Beim Kauf oder bei der Pacht von großen Anbauflächen in Entwicklungs- und Schwellenländern spielt die Biokraftstoffproduktion eine bedeutende Rolle. „Biokraftstoffe fördern Wettlauf um Ackerland“, stellte das German Institute of Global and Area Studies im Jahr 2014 fest. Seit dem Jahr 2006 stieg nach Berechnungen des OECD die Produktion von Agrodiesel von 7,1 Milliarden Liter auf geschätzte 31,6 Milliarden Liter im Jahr 2015, die Produktion von Ethanol erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 53,8 auf 116,4 Milliarden Liter. 

Der Ausblick

Der steigende Bedarf an Nahrungsmitteln wird nicht problemlos gedeckt werden können. Denn nicht die gesamte Landfläche der Erde, sondern nur etwa ein Drittel davon, lässt sich landwirtschaftlich nutzen. Und von diesen potenziellen Anbauflächen werden nur 40 Prozent tatsächlich genutzt. Über die Hälfte der weltweiten Agrarflächen liegen also brach.
Insbesondere die ungenutzten Agrarflächen galten vor wenigen Jahren als ideale Fläche für die Produktion nachwachsender Treibstoffe. Seit der Explosion der Lebensmittelpreise 2008 ist jedoch eine weltweite Ernüchterung eingetreten. Im Jahr 2011 richteten Weltbank, Weltwährungsfond, OECD, FAO und alle damit befassten UN-Institutionen einen Appell an die G20-Staaten (allen voran die USA und EU), alle Gesetze zu streichen, die die Produktion oder Verwendung von Biokraftstoff subventionieren oder vorschreiben.

Erscheint am 8. Oktober

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