Gesundheitsgipfel: Radikales Umdenken unter der Prämisse „Heilen statt Kranksparen“ gefordert

Anteil der älteren Bevölkerung verdoppelt sich bis 2050 – Gesundheitspolitik muss „längere Lebenszeit bei hoher Qualität“ ermöglichen

Wien (OTS) - Die Bevölkerung wächst und altert gleichzeitig rasant: „Während derzeit in etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung älter als 65 Jahre sind, werden es 2050 bereits 22 Prozent sein“, warnt der renommierte deutsche Allgemeinmediziner und „Aufklärer“ Dietrich Grönemeyer anlässlich des „Ersten Österreichischen Gesundheitsgipfels“. Er fordert in einer sehr emotional aufgeladenen Eröffnungsrede vor mehr als 300 Zuhörern bei der von der Wiener Ärztekammer veranstalteten Tagung ein „radikales Umdenken in der Gesundheitspolitik unter der Prämisse ‚Heilen statt Kranksparen‘“.

Grönemeyer machte deutlich, dass Investitionen im Gesundheitssystem nicht primär unter dem Aspekt der Kosten begriffen werden sollten. Vielmehr sollte der damit verbundene volkswirtschaftliche Nutzen in den Vordergrund gestellt werden. Investitionen in das Gesundheitswesen seien Investitionen in die Entwicklung der Gesellschaft, und zwar im ganzheitlichen Sinn: wirtschaftlich, ökologisch und sozial. Gesundheit sei „kulturerhaltend und kulturschaffend“, so Grönemeyer.

Hier finden Sie die vollständige Pressemitteilung.

 

 

 

 

Rede von Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer anlässlich des Gesundheitsgipfels (gekürzte Fassung)

„Gesundheitspolitik statt Krankheitsintervention - Über ein radikal neues Verständnis von Gesundheit''

Die Weltbevölkerung wächst kontinuierlich. Während derzeit in etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung älter als 65 Jahre sind, werden es 2050 bereits 22 Prozent sein, das heißt der Anteil der Älteren verdoppelt sich. Die Folgen dieser Entwicklung sind unter anderem neben der prozentual geringeren Anzahl von Kindern die Zunahme von immer mehr Menschen ohne Arbeit oder gesellschaftlichen Aufgaben! Eine Zunahme akuter und chronischer Krankheiten werden prognostiziert, in erster Linie von Zivilisationskrankheiten (Herz-Kreislauf, Bewegungsapparat, Tumore), sowie ein Anstieg der funktionellen Störungen und der Multimorbidität - also Vielfacherkrankungen im Alter, ebenso Magen-Darm-Erkrankungen, Infektionen und Depressionen.

Etwa 80 Prozent aller Todesursachen in den industrialisierten Ländern sind einem Teil dieser Krankheitsgruppen zuzuordnen. Es ist erkennbar, dass der Bedarf an konventionellen und innovativen medizinischen Produkten, Pharmazeutika und Dienstleistungen steigen wird, zumal sich der demografische Wandel mittlerweile auf die Zweite und Dritte Welt zu erstrecken beginnt, auch dort das Gesundheitsbewusstsein wächst, aber auch Zivilisationskrankheiten zunehmen.

In Asien hat sich die Volksseuche „Zuckerkrankheit" in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Auch bei Kindern in der westlichen Welt nimmt diese Krankheit rasant zu. Gründe liegen in dem sich immer weiterverbreitenden westlichen Lebensstil mit Fast-Food oder nährstoffarmer Ernährung, mangelnder Bewegung und Sport, aber auch die zunehmende Freudlosigkeit am Leben, die unbeweglich werden lässt, nicht nur den Körper. Milliarden an Euros sollten in Vorsorge und Gesundheitsförderung, Gesundheitsbildung sowie Sport- und Bewegungsprogramme investiert werden, ressortübergreifend und mit nachhaltigen Konzepten, unter der Prämisse „Heilen statt Kranksparen". Der 2. Gesundheitsmarkt mit seinen Wellness-, Fitness-, Healthness-und Reise- bzw. Hotel-Angeboten und auch Selbstmedikation setzt in Deutschland mittlerweile ca. 100 Milliarden Euro jährlich um. Alles aus eigener Tasche der Bürgerinnen und Bürger gezahlt. In Österreich nicht anders. Die Einzahlungen in die gesetzlichen Krankenkassen sind unwesentlich höher, die medizinischen Leistungen und Angebote werden aber zunehmend  schlechter. An diesem unsäglichen Zustand würde aber auch ein neues Versichertensystem wie die in Deutschland diskutierte Bürgerversicherung nichts ändern. Letztendlich zahlt der Patient drauf.

Investitionen im Gesundheitssystem sollten nicht primär unter dem Aspekt der Kosten begriffen werden sondern es sollte der damit verbundene volkswirtschaftliche Nutzen in den Vordergrund gestellt werden. Investitionen in das Gesundheitswesen sind Investitionen in die Entwicklung der Gesellschaft, und zwar im ganzheitlichen Sinne, wirtschaftlich, ökologisch und sozial. Gesundheit ist kulturerhaltend und kulturschaffend.

Natürlich ist Gesundheit teuer. Ohne Frage kostet die Medizin viel Geld, und zweifellos werden tagtäglich enorme Kosten produziert. Gefragt ist die optimale Vernetzung und die Zusammenarbeit der verschiedenen medizinischen Schulen, also zwischen Schul-, Hightech-, und Komplementärmedizin sowie anderen therapeutischen Disziplinen wie die der Naturheilkunde und traditionellen Heilweisen.

Medizinische Effizienz und Fürsorglichkeit sind kein Widerspruch. Erst zusammen ergeben sie ein harmonisches Ganzes. Hightech bedeutet nicht zwangsläufig Kälte und distanzierte Routine am Krankenbett. Im Gegenteil: Moderne Hochleistungsmedizin und ein liebevoller Umgang mit dem kranken Menschen sind grundlegende Prämissen des ärztlichen Handelns, eines so wichtig wie das andere. Bestes Instrumentarium ist eben­so ein Gebot der Menschlichkeit wie intensive Zuwendung.

Statt über die Kosten im Gesundheitswesen zu klagen, sollten wir - zumal, wenn es uns mit der Dienstleistungsgesellschaft ernst ist - über das Potenzial sprechen, das auch wirtschaftlich in diesem Bereich schlummert. Dass wir uns mit dieser ökonomischen Betrachtung oft schwertun, hat nicht zuletzt etwas mit dem Weiterleben überalterter Vorstellungen zu tun. Unter dem Gesundheitswesen stellen sich die meisten noch immer ein System vor, das die Krankheit verwaltet. Von dieser Sichtweise sollten wir uns verabschieden. An ihre Stelle sollte ein Denken treten, das nicht nur von Gesundheit redet, sondern auch wirklich Gesundheit und Wohlbefinden meint. Krankenhäuser sollten sich in Zukunft viel mehr als Dienstleistungszentren für Gesundheit verstehen und sich auch so profilieren. Dazu benötigen wir die Vernetzung von Krankenhäusern, ambulanten Einrichtungen und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Der dringend mehr denn je benötigte Hausarzt würde neben seiner Rolle als Familienarzt auch die des Präventologen und Co-Pilot der Patienten einnehmen. Damit diese sicher durch den „Dschungel“ der sich in ständiger Weiterentwicklung befindenden Medizin und ihren ambulanten und stationären Angeboten geleitet werden!

Wir brauchen auch Altenheime beziehungsweise Pflegeeinrichtungen, die hier sektorenübergreifend und integrativ aktiv sind. Und wir brauchen eine Gesellschaft und ein Gesundheitssystem, die jeden Menschen - und auch jeden Patienten - wertschätzt, in jedem Alter, mit seiner individuellen Lebens- und Krankheitsgeschichte. Dafür haben wir Ärzte den Hippokratischen Eid geschworen! Und wir tun gut daran, jeden Patienten zu ermuntern, sich selbst mehr um seine eigene Gesundheit zu kümmern, ohne Angst vor der Medizin und dem Arzt. Dazu bedarf es auch moderner Aufklärungs- und Informationsmedien und -kampagnen.

Entscheidend für mich ist weiterhin: Der Arzt muss die medizinisch-therapeutischen Vorgaben bestimmen, nicht eine ökonomische Struktur der Controller.