Die „Welt des kleinen Medicus“ in Buch und Film

Ein Interview mit Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer

Sie sind der „Vater“ des Kleinen Medicus. 2005 haben Sie ihm „buchstäblich“ Leben eingehaucht, 10 Jahre später feiern Sie das „Jahr des Kleinen Medicus“ – warum?

Ich muss gestehen, ich bin schon ganz aufgeregt und begeistert. Nach allem, was ich schon mit dem kleinen Medicus erlebt und erreicht habe, wird dieses Jahr dennoch ein ganz besonderes. Unser Musical, der Medi-Circus, geht mindestens 30 Mal auf Tour in Deutschland. Im traditionsreichen und so erfolgreichen Hamburger Dressler-Verlag erscheint eine überarbeitete und komplett neue Ausgabe der Medicus-Welt für Kinder, Jugendliche, interessierte Eltern und Großeltern. Als ich die Bücher schrieb, wollte ich ein neues Genre schaffen, das den Sachbuch-Charakter auf dem Gesundheitssektor mit Science-Fiction- und Romanelementen textlich und bildlich verbindet. Das Medizin und Menschsein kinderleicht verständlich macht. Das war und ist eines meiner Hauptanliegen. Doch die Bücher können jenseits des privaten Lesevergnügens noch mehr: Sie bieten pädagogisch aufbereitete Unterrichtsmaterialen für die Grundschule und ersten Klassen der Weiterführenden Schulen. Medizin und Verständnis für den menschlichen Körper sollen Schule machen. Darum geht es mir.

 

„Der kleine Medicus“ und „Die neuen Abenteuer des kleinen Medicus“ – beides waren Publikumslieblinge und Bestseller – nun starten die Bücher überarbeitet und erweitert durch. Wieso?

Geboren wurde der kleine Medicus ja schon 2004/2005. Doch er hat sich – bildlich gesprochen – mit den Jahren weiterentwickelt. Genau wie auch die Sehgewohnheiten und der Umgang mit Medien sich bei unseren Kindern weiterentwickelt haben. Die Zeiten ändern sich rasant. Kaum noch linear, eher exponentiell. Das gilt besonders für wissenschaftliche und technische Entwicklungen. Die  schreiten so schnell voran, dass man schnell aus der Puste kommen kann. Jeder, der ein Handy oder einen PC hat, weiß das. Lange bevor die Technik so weit war, habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, 3D-Filme zu produzieren, um die Wunderwelt des Körpers plastischer vor Augen führen zu können. Als einer der ersten in der Medizin habe ich 3D-Ansichten schon 1988 in der Radiologie mit eingeführt und genutzt, um radiologische Bilder schneller verständlich zu machen. Ich habe mich damals schon mit Holographie befasst und möchte immer noch helfen, sie in den radiologischen Alltag einzuführen. Erste Möglichkeiten dazu habe ich vor vielen Jahren in Laboratorien von General Electrics bewundern können.

Schon vor Jahren habe ich computeranimierte Videoclips in 3D-Anmutung zur Erklärung von medizinischen oder pädagogischen Inhalten genutzt, etwa bei meinem Kleiner-Medicus-Musical. Wohlbemerkt: Das war lange vor dem großen 3D-Durchbruch von Blockbustern wie „Avatar“. Nun ist es an der Zeit, meine Ideen von einst mit den Möglichkeiten von heute umzusetzen. Das gilt für den neuen Film, der im Herbst in die Kinos kommt – und nicht nur in optischer Anlehnung auch für die neuen Bücher, die in ihrer Wirkung ganz neu und anders daherkommen. Ich bin zwar noch mal meinen alten Gedankengängen gefolgt, habe aber durchaus andere Wege eingeschlagen, wie ich die Geschichte neu und zeitgemäß erzählen kann. Wenn man so will filmreifer.

 

Sie haben der Welt des kleinen Medicus eine neue Heimat gegeben – nun sind alle Bücher bei Oetinger, bzw. Dressler verortet.

Ich schätze den Oetinger- und Dressler-Verlag sehr. Das sind Verlage, die auf ihre ganz eigene Art meine Philosophie teilen und leben. Sie verbinden Tradition mit Moderne, so wie ich die traditionellen Heilverfahren mit den Möglichkeiten der modernen Schulmedizin zu verbinden suche. Eine Integration von High Tech und Naturheilkunde sozusagen. Genau aus diesem Spannungsfeld – wenn man so will, aus klassischen und postmodernen Ansätzen – erwächst viel Gutes. Neue Werte schaffen und alte erhalten – das ist für mich die Zukunft, und das finde ich ebenso bei Dressler. Bei diesem Verlag sind Werte, Worte und Autoren noch wichtig – und gleichzeitig zeitgemäße, layouterisch-inhaltliche Aufbereitung in Buchform auf hohem Niveau verankert. Form folgt Inhalt. Inhalt verstärkt Form. Aber jede Form ist ganz individuell auf das Autorenwerk zugeschnitten – das gefällt mir.

 

Astrid Lindgren, Erich Kästner, Cornelia Funke: Oetinger ist einer der renommiertesten Kinderbuch-Verlage Deutschlands…

Ja, das ist das Tolle. Der „Kleine Medicus“ und „Die neuen Abenteuer des kleinen Medicus“ – beide Ausgangswerke waren sehr erfolgreich. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Buchhändler nicht immer wussten, wo sie die Bücher unterbringen sollen: Medizin? Science Fiction? Sachbuch? Kinderbuch? Mir ist aber eine klare Zuordnung wichtig. Ich schreibe hier in erster Linie für Kinder, deren Eltern und Großeltern. Nicht für Fantasy-Fans und nicht für Medizinstudenten…Insofern freue ich mich riesig, für den kleinen Medicus eine klare Heimat gefunden zu haben.

 

Die neuen Bücher und auch der kommende Kinofilm kommen auch mit neuen Figuren.

Ja, im Film hat Lilly, Nanos anfänglicher Schwarm und spätere Freundin, weitgehend die Rolle der Schwester Marie übernommen…auch den Hasen Rappel habe ich weiterentwickelt. Pssst, (augenzwinkernd) nicht weitersagen, die dritten Abenteuer werden sonst vorweg genommen. Rappel kann jetzt sprechen und ist aufgrund von Experimenten „tierisch“ schlau geworden. Was dieser Hase an Wissen und Humor aus dem Hut zaubert, lässt einen schon schmunzeln. In den Maxi-Büchern bekommt er eine noch wichtigere Rolle. Witzigerweise dreht der Hase den Spieß ja um: Er macht jetzt Experimente mit Menschen, aber eben nicht auf Kosten ihrer Gesundheit, sondern zu ihrem Wohle.

 

Was denkt der geistige Vater, der Autor des kleinen Medicus, über den Werdegang seines Kindes?

Meine Devise ist seit langem: Der Weg ist das Ziel. Als ich 2004/2005 den Kleinen Medicus schrieb, sah ich einen neugierigen Jungen vor mir, der die Welt erobern will. Ein Junge, mit dem sich Kinder leicht identifizieren können. Kein Supermann, nein, eher zu klein gewachsen, aber ein Bursche, der es faustdick hinter den Ohren hat und den Dingen auf den Grund geht. Dass sich diese Figur später vom Wort zur Bühnenpräsenz entwickeln würde, wusste ich am Anfang ja noch gar nicht. Aber spätestens mein großes Musical brachte ganz andere Facetten derselben Figur ans Licht: Mit tollen Texten, Musik, einer technisch so aufwändigen wie ansprechenden Inszenierung – und rund zehn Spielorten in ganz Deutschland. Für Schulen entwickelte ich das kleinere Format „Medi-Circus“ mit vier Schauspielern. 2007 schließlich rief ich die Dietrich Grönemeyer Stiftung für Prävention bei Kindern und Jugendlichen ins Leben. Doch jedes Mal, wenn ich in den letzten Monaten den 3D-Film gesehen habe, musste ich staunen, was alles noch im kleinen Medicus steckt. Und ich glaube nicht, dass der Film und die neuen Bücher schon das Ende des Weges sind…

 

Verraten Sie uns etwas zum Inhalt der neuen Bücher?

Die Kernaussage ist: Das Leben ist schön, der Mensch ebenso, und er ist so einzigartig wie fantastisch. Nano macht sich auf den Weg, die Welt zu erkunden und in vollen Zügen zu genießen. Dabei lüftet er so manches Geheimnis, das im wahrsten Wortsinn in uns schlummert – im menschlichen Körper. Nano erlebt Sturzflüge durch gigantische Schluchten und Katakomben im Kleinen, Kämpfe mit körpereigenen, ungeheuerlichen Abwehrkräften, einen Showdown mit dem bösen Gobot, dem miniaturisierten Roboter, der seines Großvaters Gehirn manipulieren will – das ist der eine, der abenteuerlich-unterhaltsame Part. Doch die Fragen gehen auch medizinpädagogisch in die Tiefe: Was ist der nicht nur bei Profi-Kickern gefürchtete Bänderriss? Was tun bei Halsschmerzen oder Kummer? Was ist ein Röntgengerät oder Endoskopie? Wie kocht man einen gesunden Tee gegen Bauchweh, eine „Anti-Pups-Tee“ wie die Kinder sagen würden. All das und viel mehr lernt der kleine Medicus auf seiner Reise. Auf seinem Weg ist er nie allein: Seine Schwester Marie und die Freunde Frido, Manu, Lilly, Micro Minitec und der amerikanisch-chinesische Arzt und Wissenschaftler Dr. X stehen Nano stets bei und beweisen, dass echte Freundschaft und Teamgeist – zwischen Kindern, aber auch zwischen Kindern und Erwachsenen – das Leben erst richtig schön machen.

 

Und wohin führt die Reise in den „Neuen Abenteuern des kleinen Medicus“?

Eine Reise endet – eine neue beginnt. Micro Minitec war in der Zwischenzeit nicht untätig und hat viele spannende Hightech-Geräte entwickelt: neue Schrumpfungsmaschinen und Miniatur-Manta-U-Boote oder einen fliegenden Arztkoffer zum Beispiel. Damit kann Nano – als erster Bodynaut der Welt – Dr. X und Micro Minitec als „medizinischer Sport-Assistent“ unterstützen und weitere, nicht immer ungefährliche, Entdeckungsreisen in den Körper z.B. in das Kniegelenk oder ins Kurz- und Langzeit-Gedächtnis unternehmen. Trotz aller Gefahren: Die atemberaubende Schönheit und kosmische Komplexität des menschlichen Körpers fesselt Nano immer mehr. Diesmal geht er Fragen nach wie: Wieso können wir fühlen, lieben und denken? Was sind Leiste, Bandscheiben oder Gelenke, wie funktionieren Haut und Haar, wie die Hormone, die uns steuern und manchmal auch „verrückt“ spielen lassen? Nano macht sich auf den Weg, auch auf der Suche nach dem Unfassbaren: der Seele. Die jungen Leserinnen und Leser erleben, wie sich Nano zum ersten Mal verliebt, wie er Nase, Ohren und andere Sinneszellen erkundet und wie er einmal mehr mit den üblen Nano-Robotern des Professors Schlotter kämpft. Doch nicht nur, wer kämpfen will, muss stark sein, deshalb: Auch Rezepte zum Kochen und für ein besseres Leben finden sich im neuen Buch.

Was macht für Sie den Unterschied zwischen 3D-Filmerleben und handfestem Buch aus?

Ich liebe Bücher. Ich mag es, sie in die Hand zu nehmen, zu fühlen, mir Notizen mit einem Stift zu machen. Ich freue mich über gut lesbare Texte, tolle Fotos und Zeichnungen.
Filme sind anders. Großartige Kommunikationsmittel, aber eben weniger handfest und greifbar. Der Film muss naturgemäß verkürzen und verdichten, er arbeitet stärker mit Unterhaltung, Bildern, Emotionen. Filme, auch der „Kleine Medicus“, wirken in Millisekunden, oft auch unterschwellig. Die Bilder und Töne erreichen unser Gehirn und unsere Gefühlswelt blitzschnell. Lassen Sie es mich mit einer Metapher verdeutlichen: Wirkt ein guter Roman wie ein guter Rotwein, so funktioniert ein Film wie ein Glas Sekt – er geht sofort ins Blut, kann unbemerkt berauschen und ändert die Stimmung im Flug. Kein Wunder: Im Idealfall, in einem filmischen Gesamtkunstwerk, ist jedes Filmbild minutiös durchdacht. Frei nach Alfred Hitchcock, es sollte nicht um ein gefilmtes Theaterstück mit „talking people“ (also sprechenden Menschen) gehen. Die Bilder sagen oft mehr als Worte, sie haben ihre eigene Sprache und ihren eigenen Zugang zu unserer Wahrnehmung und Verarbeitung. Mit anderen Worten: Der Lerneffekt, die Begeisterung für den menschlichen Körper und die Kenntnis über ihn – all das findet quasi automatisch statt. Aber auch das muss man sehen: Der Film ist toll geworden, aber vor allem Abenteuer und Unterhaltung – die dazu passenden neuen Bücher gehen tiefer und noch viel weiter. Sie eröffnen anschaulich und mit Spaß ganz neue Lernwelten!

 

Was macht den Film so besonders für den Buch-Autor?

In mehr als einem Sinn: Der Film ist fantastisch. Wir können mit 3D-Brillen eintauchen in diese Welt des Körpers, die wir doch sonst nur oberflächlich kennen. Und wenn die Kinder begeistert sind, können sie ihren Wissensdurst in den Büchern stillen. Das Abenteuer Mensch – spannender geht es für mich nicht. Ich versuche ja, die ganze Familie zu erreichen. Nicht nur die Kinder, auch die Eltern, die Großeltern. Und alle Kinder, mit denen ich den Film bisher gesehen habe, fanden ihn klasse. Auch die Erwachsenen. Kein Wunder: Der Mensch ist von Natur aus neugierig. Manchmal versinkt die Neugier nur im Dornröschenschlaf des Alltags. Da verstehe ich den kleinen Medicus auch als Weckruf. Für Kinder. Und das Kind in uns allen, das staunend das Wunder des Lebens begreifen will.
Der kleine Medicus hat ja schon jetzt Hunderttausende Kinder weltweit begeistert, er wurde in 15 Sprachen als Buch übersetzt – da war der Film zu dieser lehrreichen und wunderschönen Abenteuergeschichte nur eine Frage der Zeit. Ich war hochmotiviert, ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Jetzt bin ich hochgespannt, wie die neuen Bücher und der Film ankommen werden.

Der kleine Medicus auf Reise durch den Körper – alles nur Science Fiction oder wie kamen Sie auf die Geschichte?

Ich habe versucht, ein neues Genre zu schaffen: Nennen Sie es Edutainment, nennen wir es Meditainment, die Vermischung von Fantasie mit der Wissenschaft von heute und gutem Lesestoff für Kinder. Zwischen Science Fiction und wissenschaftlichen Fakten sind die Übergänge ja fließend: Mikromedizin, mikroinvasive Behandlungsmöglichkeiten, bildgebende Verfahren und andere Einblicke in den Mikrokosmos Mensch. Magnetresonanztherapie, Computertomographie, minimale Eingriffe mit maximalem Effekt für die Patienten: Was vor 30, 40 Jahren noch undenkbar schien, ist heute gelebte Praxis. Und die Kritiker von einst, sind manchmal die Anwender oder Nutznießer von morgen. Nur ein Beispiel von vielen: Gegen die Verbote seines damaligen Chefs, des Chirurgen Professor Ferdinand Sauerbruch, machte Werner Forßmann 1929 den ersten Selbstversuch einer Herzkatheterisierung. Dabei schob er sich vor dem Röntgenschirm eine Sonde durch den Arm bis ins Herz. Die Idee, Herzkranzgefäße sichtbar zu machen, war plötzlich geboren. Der Spott der Kritiker folgte auf dem Fuß: Viele „Kollegen“ verspotteten Forßmann nach dem Motto „Man schiebt sich keine Fahrradspeichen ins Herz“. Ferdinand Sauerbruch selbst kommentierte das Habilitationsansinnen von Forßmann so: „Mit einem derart lächerlichen Kunststück habilitiert man sich vielleicht in einem Zirkus, aber nicht an einer ordentlichen deutschen Klinik.“ Im Jahre 1956, als der Herzkatheter schon in vielen Ländern eingesetzt wurde, erhielt Forßmann mit den beiden Amerikanern André F. Cournand und Dickinson W. Richards, den Nobelpreis für Medizin. Das Ende einer medizinischen Revolution und der Anfang einer neuen.
Die „Pille Gesundheit“ gibt es nicht. In meinen Büchern aber das phantastische, pillenkleine Raumschiff, mit dem Nano und Lilly sich auf die spannende Reise durch den Körper machen. Okay, in den Büchern ist die Fantasie der Konstrukteur. In der Medizintechnik gibt es aber längst Pillen, die man schlucken kann, und die aus dem Innern des Körpers wichtige Informationen und auch Bilder liefern. Bildlich gesprochen: Auch der kleine Medicus ist eine Art Sonde, ein Vehikel, eine Identifikationsfigur für Kinder, die Fußball spielt und auch bei der Gesundheit immer am Ball bleibt. Kinder finden hier ein  Alter Ego, um auf Reisen zu gehen und zu sich zu kommen.
Um auf die Frage zurückzukommen. Die Science Fiction von gestern hat das Heute oft schon erreicht oder wartet bisweilen nur darauf, schon morgen Geschichte zu schreiben. Wie effektiv der Einsatz von miniaturisierter Technik sein kann, wissen wir heute.

 

Beim kleinen Medicus spielt die „Mikrotisierung“ eine besondere Rolle – wofür steht der Begriff?

Das ist schnell erklärt. Als Mikrotherapeut habe ich früh erkannt, wie wichtig zum einen bildgebende Verfahren und zum anderen minimalinvasive Eingriffe sein können, wenn es darum geht, die Schmerzen von Patienten zu reduzieren oder ganz zu beenden. Deshalb habe ich die Mikrotherapie erfunden, eine Methode, bei der mit Instrumenten von 0,1 bis 2,5 Millimeter unter Schnittbildsicht der Tomographen behandelt werden kann. Das hat weltweit den Medizinalltag bei Operationen und in der Schmerztherapie revolutioniert. Mir geht es in meiner ärztlichen Praxis stets darum, von leicht nach schwer zu behandeln, meine Devise: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Schonende Eingriffe funktionieren am besten, wenn man mit kleinen und kleinsten Instrumenten therapiert, die möglichst wenig Gewebe beschädigen und Schmerzen verursachen, wenn möglich ambulant durchführbar sind. Und ich bin sicher: In der Verkleinerung steckt noch großes Potenzial. Wir können zwar keine Menschen schrumpfen, aber Maschinen. Die Endoskopie-Pille ist da nur ein Beispiel von vielen.

 

Welcher medizinische, aufklärerische Gedanke steht hinter dem Film? Was bringt der Korponaut seinen jungen Leserinnen und Lesern bei?

Wie Sie wissen, bin ich Arzt – und ich kann mir keine bessere Aufgabe vorstellen. Doch ich will nicht nur heilen, ich will auch anderen helfen, sich selbst zu helfen. Jeder Mensch ist einzigartig, besonders. Jeder hat die Chance, sein Leben und das anderer zum Positiven zu verändern. Dafür muss es einem aber gut gehen, man muss sich akzeptieren, seinen Körper und sich selbst lieben lernen. Dabei hilft mir der Kleine Medicus: ein Kinder-Gesundheits-Lehrer mit großen, neugierigen Augen und mächtig viel Spaß. Nicht nur in den Büchern, auch in meiner Stiftung geht es mir um eine Gesundheitslehre, die im wahrsten Wortsinn Schule machen soll. Mir ist wichtig, dass schon Kinder über ihren Körper Bescheid wissen. Dass sie wissen, was sie tun können, wenn sie krank sind. Noch wichtiger: Was sie tun können, um gar nicht erst krank zu werden. Nur ein Beispiel: 70 Prozent der 10- bis 17-Jährigen haben schon Rückenschmerzen. 70 Prozent! Warum? Es sind die „tonnenschweren“ Tornister, der Leistungsdruck, das viele Sitzen in der Schule und Zuhause vor dem Computer. Die Bequemlichkeit spielt eine Rolle, die Unbeweglichkeit. Wir beobachten zunehmend, dass schon Kinder unter 10 Jahren unter Stress leiden, Kopfschmerzen haben oder an Alterszuckerkrankheit erkranken, junge Menschen Opfer von Burnout werden. 14-Jährige mit Bandscheibenvorfällen oder 20-Jährige mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen, in was für einer Zeit leben wir? Deshalb möchte ich mithelfen, den Gesundheitsunterricht in den Schulen zu verankern, überall. Einen Stunde Bewegung an jeder Schule, an jedem Tag. In meiner Stiftung werden Schüler zu Gesundheitsbotschaftern ausgebildet, um als Schülerlehrer den Jüngeren, aber auch Eltern und Lehrern Medizin- und Gesundheitswissen zu vermitteln. Das Projekt Gesundheitsbotschafter ist nur eines von vielen, aber seit Bestehen der Kooperation mit dem Hessischen Kultusministerium 2009 kommen jedes Jahr Hunderte Schülerinnen und Schüler in den Genuss der besonderen Fortbildung in Bochum. Und, ja, wenn man so will, ist auch Nano einer dieser Botschafter.

Welche Rolle spielen Sie ganz persönlich beim Film?

Ich mag auf dem Weg zum Film eine größere Rolle gespielt haben. Im Film ist meine Rolle eher die des unsichtbaren Wegbegleiters. In der deutschen Fassung spreche ich den Bordcomputer und erkläre Nano und Lilly den Weg durch den Körper. Die Synchronisation war nicht besonders anspruchsvoll – zumindest musste ich nicht, im Gegensatz etwa zu Bernhard Hoecker, der den Serge spricht oder Malte Arkona, Moderator vom Tigerentenclub, der Rappel synchronisiert, auf Lippenbewegungen achten (lacht).

Bücher sind ja oft auch persönlicher Ausdruck des Autors – wie viel von Ihnen steckt im „Kleinen Medicus?“

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Prof. Grönemeyer findet in Dr. X sein Alter Ego. Doch das ist zu kurz gesprungen. Meine Ansichten, meine Philosophie und meine Lebensfreude spiegeln sich in fast allen Figuren wider. Das Kind im Manne, die unstillbare Neugier, die Begeisterung und Faszination für den Körper – mit all dem stecke ich im Kleinen Medicus. Meine Nähe zur Hightech-Bildgebung und Verkleinerung findet sich bei Dr. X und Micro Minitec, meine Vorliebe für Naturheilkunde und Hausrezepte  - das ist Oma Rosi. In den Büchern gibt es den Lehrer Mr. Schlau, der Teamgeist, Bewegung, Toleranz und Völkerverständigung lehrt… und selbst Gobot ist ein Teil von mir, meine Sorge vor einer automatisierten Wissenschaft, vor Nanotechnologie, die ihre ethische Verpflichtung vergisst und Menschen ihres freien Willens beraubt. Und dann gibt es da ja noch den Hasen Rappel, einen Scherzkeks, bei dem ich mich vor Lachen krümeln könnte…

Sie lassen sich gern begeistern – und wollen begeistern…

Ich bin Autor, ja. Aber zu allererst Arzt. Für mich gibt es nichts Spannenderes als Menschen. Und: Mir ist die Gesundheit meiner Mitmenschen wichtig. Ich wünsche mir seit Jahren, dass jeder, ob Kind oder Erwachsener, mehr Verantwortung für seinen Körper und seinen Geist übernimmt. Jeder kennt sich selbst am besten – „Der Patient ist selbst der wahre Arzt – wir Ärzte sind nur seine Gehilfen“ – frei nach Paracelsus… Es ist bedauerlich, dass wir Erwachsenen meist viel mehr über unser Auto als über unseren Körper und unsere Gesundheit wissen. Wir können alle selbst so viel tun, um gesund und fit zu bleiben. Wissen ist eine Basis dafür. Alle Menschen, egal ob jung oder alt, sollten über ihren Körper und ihre Gesundheit Bescheid wissen. Das ist für mich auch eine Herausforderung: Ich will begeistern für die Medizin und den Körper, den man so selbstverständlich nimmt, immer wieder ignoriert und verdrängt. Im und mit dem Kleinen Medicus schlüpfen Kinder in die Rolle einer Figur, die offen für Neues ist – und ihnen hilft, sich selbst neu zu entdecken. Doch dieses Wissen bedeutet auch: Verantwortung. Eigenverantwortung. Fühle dich! Dein eigenes Ich! Sei offen! Wir müssen lernen, auf unseren Körper stärker zu hören, in uns zu hören. Wir müssen unser Leben in die Hand nehmen. Dafür müssen wir so früh wie möglich unseren Körper und seine Funktionen kennen. Man darf sich nicht nur auf Hightech und ‚Halbgötter in Weiß‘ verlassen, wenn man krank ist. Deshalb habe ich symbolisch meinen Kittel auch vor mehr als 20 Jahren abgelegt im medizinischen Alltag, um mehr Augenhöhe mit dem Patienten zu gewinnen.
Der kleine Medicus steht auch für den Arzt in dir selbst, für Hilfe zur Selbsthilfe. Ich muss mich lieben lernen und vom ich zum du zum wir kommen. Mein Wunsch ist es seit langem, dass die Menschen, Kinder und Erwachsene, mehr über Körper und Seele lernen. Über die großen Zusammenhänge auch im Kleinen und Kleinsten. Das Herz ist mehr als eine Pumpe. Der Mensch mehr als eine Maschine. Und das Leben ein Geschenk, für das man jeden Tag dankbar sein sollte.

 

Sie sind ausgewiesener Rückenexperte und innovativer Radiologe, die weitaus meisten Ihrer Patienten sind Erwachsene – warum liegen Ihnen Kinder so am Herzen?

Ich finde Kinder einfach toll. Ich liebe es, wie sie sich für das Leben begeistern können – ohne sich im Alltagsstress der Erwachsenen gleich wieder das Leben schwer zu machen. Ich habe selber drei Kinder und  fünf Enkel, denen ich regelmäßig erzähle, was ihr Körper Tolles kann und wie schön das Leben sein kann. Es ist so toll, mit Ihnen zu lachen, zu singen, zu tanzen oder Schabernack zu treiben von klein an. Man kann so viel von ihnen lernen und begeistert werden, wenn ihre Augen leuchten. Doch ich sehe auch die wachsenden Probleme in unserer Gesellschaft. Gerade bei den Kindern, die zunehmend auch von Volkskrankheiten betroffen sind. Mit meinen Büchern versuche ich, eine gesundheits- und krankheitsbewusste Generation von Morgen wachsen zu lassen: Gesundheitsunterricht ist keine Frage von ein, zwei Jahren. Das ist ein Thema für Jahrzehnte und Generationen. Doch das Umdenken, ob bei Ministerien oder dem einzelnen Menschen braucht seine Zeit.

Sie haben mal gesagt ‚Jeder Mensch liebt Körperkino‘ – wie meinen Sie das?

Als Mensch und Radiologe war ich immer schon begeistert von den Möglichkeiten der Bildgebung. Ultraschall, Röntgenbilder, Computer- und Kernspintomographie – es ist einfach unglaublich, wie aussagkräftig die moderne Bildgebung im Bruchteil einer Sekunde ist. Und wozu man sie als Arzt nutzen kann. Die Bilder von schlagenden Herzen in 3D, von Gefäßen, der Prostata, vom Gehirn, von der Wirbelsäule oder dem kompletten Gelenkapparat – das ist für mich „Körperkino“. Wir können heute Tumore viel frühzeitiger erkennen, sehen, wo Verkalkungen wie stark zunehmen, Herzkatheter und Operationen überflüssig sind und gegensteuern. Wir können unter Sicht mikroinvasiv und ambulant Bandscheibenvorfälle therapieren, zusammengebrochene Knochen stabilisieren, Gewebeproben gezielt unter Sicht entnehmen, statt unpräzise „Blindbiopsien“ vorzunehmen. Das Besondere an diesem „Körperkino“ – es kann Leben retten.
Jenseits des rein medizinischen gibt es dann noch die private Sicht jedes Einzelnen. Für viele Menschen ist einfach faszinierend, das Innere des Körpers vor Augen zu haben. Wir können zwar in uns hineinhören, aber nur durch Bildgebung können wir auch in uns hineinsehen – wer einmal seinen Brustkorb oder sein Herz so gesehen hat, vergisst diesen Anblick nie.

In Ihrem Buch „Mensch bleiben“ sprechen Sie vom Menschen als einem Mikrokosmos im Makrokosmos – der kleine Medicus taucht ja hier noch tiefer…
Das stimmt. Es ist eine Binse: Der Mensch ist Teil der Welt und der Umwelt, die ihn umgibt. Wie wichtig der Schutz der Umwelt, des Ökosystems ist, das begreifen wir mehr und mehr.
Doch auch der Mensch an sich ist ein Ökosystem: mit seinem Körper, seinem Geist und der unfassbaren Seele. Er ist ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Und gerade dieser Kosmos des menschlichen Körpers lebt von innerer Ordnung. Jeder Eingriff, jede Veränderung auch im Ökosystem Mensch hat Auswirkungen und kann das Gegenteil von Kosmos – nämlich Chaos verursachen – so wie Gobot beim kleinen Medicus. Deshalb geht es mir in der Medizin darum, möglichst sanfte und schonende Verfahren zur Behandlung und Heilung zu entwickeln. Um dieses so faszinierende wie fragile Gebilde Mensch zu schützen. Aber zurück zum kleinen Medicus: Er ist es, der uns zeigt, wie schön diese Welt in der Welt ist. Er führt uns die innere, natürliche Schönheit vor Augen und lässt uns begreifen, was sonst unter der Oberfläche verborgen ist.

Ist der Kleine Medicus Ihr erstes Filmprojekt?

Nein. Zum einen drehe ich ja mit dem ZDF seit mehr als einem Jahr das Format „Leben ist mehr…“
Es läuft ganz toll. Die Sendung wird vier Mal im Jahr zu Christlichen Feiertagen ausgestrahlt. Dabei besuche ich besondere Menschen, die ihre innere Kraft nutzen, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu meistern. Und das trotz oftmals harter Schicksale. Es geht um ethische, um philosophische Fragen nach Menschenwürde, Verantwortung, Liebe, Tod, Verlust oder Demut. Zum anderen nutze ich das Medium Film schon lange, um beispielsweise im Internet bei „Grönemeyer TV“ die medizinischen Möglichkeiten von heute vor Augen zu führen. Zudem arbeite ich gerade an verschiedenen neuen TV-Formaten…

Und in der Dimension Kinofilm?

Tatsächlich hielt ich lange Jahre die Rechte an Noah Gordons „Medicus“. Ich habe Noah Gordon in Amerika besucht und mit ihm gesprochen. Wir hatten etliche Treffen danach, auch mit seinem liebenswerten Freund und leider zu früh verstorbenen Verleger Karl Blessing und Dieter Kosslick, dem Chef der Berlinale. Wir waren uns einig, dass wir seine Buchvorlage für ein gemeinsames, zukunftsweisendes Filmprojekt aus Deutschland heraus nutzen wollten. Doch das Leben schreibt manchmal kuriose Geschichten. Ich habe Noah Gordon nacheinander drei Drehbücher angeboten und im Vertrauen auf unser gemeinsames Ziel viel Geld investiert. Wir wollten die Geschichte der Medizin ganz neu erzählen. Doch am Ende zog es Noah Gordons Familie vor, andere Wege zu gehen…

Der kleine Medicus ist auch eine Art „Chamäleon“ – es gibt ihn in Ihren Büchern, in Bühnenstücken und Musicals, er taucht immer wieder auch in den Projekten Ihrer Stiftung auf, etwa bei den „Gesundheitsbotschaftern“ und „Gesundheitsspielen“. Wie kommt es zu dieser Vielseitigkeit?

Der Philosoph Heraklit hat mal gesagt: Alles fließt. Nichts bleibt so, wie es ist. Das gilt auch für mein künstlerisches Werk und seine Protagonisten. Und das mit Absicht. Wenn es um das Thema Gesundheit und Aufklärung geht, versuche ich, die ganze Klaviatur der Möglichkeiten zu spielen.
So ähnlich wie in der Musik. Thema und Variationen. Die Kleiner-Medicus-Reihe ist für die 6- bis 14-Jährigen, meine Bücher mit „Erwin und Rosi“ für Kindergartenkinder, der Medi-Circus ist speziell für Schulen konzipiert. Ob die Show in der SAP-Arena, bei der ich 10.000 Kinder erreichen konnte und damit ins Guinness Buch der Rekorde kam, ob Hörspiele, Experimentierkästen oder der Kinofilm – immer geht es mir darum, das Thema Gesundheit zu transportieren. Im Grunde ist der Kleine Medicus nur ein Instrument. So wie ich als Arzt Hightech-Bildgebung, alternative Medizin und kleinste Instrumente für die Mikrotherapie nutze – so nutze ich auch den Kleinen Medicus in all seinen Formen, um einen möglichst großen Effekt für die Gesundheit zu erreichen. Diesmal geht es mir nur nicht um meine aktuellen Patienten, sondern um die Kinder von heute, denen ich helfen will, eben nicht die Patienten von morgen zu werden.

 

Jenseits der Kinder- und Jugendbücher sind sie ja auch medizinpolitisch engagiert: Ihr Gesundheitssystem der Zukunft – wie sieht das aus?

Medizin zwischen High-Tech und Naturheilkunde, der Mensch, der Patient, als psycho-soziales Wesen im Mittelpunkt. Die Vorsorge-Untersuchungen stecken oft noch in den Kinderschuhen. Wir müssen sie ganz stark hochfahren, Bewusstsein für Selbstverantwortung schaffen. Wir werden den Hausarzt in seiner Rolle stärken müssen als medizinischen Co-Piloten des Menschen, Vorsorge- und auch Schularzt, schon in der Kita beginnen, Kindern medizinisches Wissen und solches über den eigenen Körper zu vermitteln. Wo und wann immer möglich: große Operationen vermeiden oder doch miniaturisieren – das versuche ich mit mikrotherapeutischen Eingriffen und im Netzwerk der therapeutischen Disziplinen gemeinsam integrativ jeden Menschen so behandeln, wie er es sich wünscht, ob schulmedizinisch oder naturheilkundlich, ob mental oder körperlich, ob durch Hand oder Verstand. Eine Medizin mit Würde erfasst die Bedürfnisse eines jeden einzelnen, auch die der Therapeuten. Und was für mich das Herz eines neuen Gesundheitssystems ist: eine Medizin auf Augenhöhe, bei der  Arzt und Patient sich als Partner verstehen.